„Klima im Kiez 2.0“ stellt sich bundesweit vor
Es sind drei große Krisen, die es aktuell zu bewältigen gebe: Eine Krise der Gerechtigkeit, die der Zugehörigkeit und die Klimakrise. Mit dieser Zusammenfassung beginnt ein Gast des ZKA Spezial sozial-gerechte Klimaanpassung: Soziale Fragen, Praktische Ansätze seinen Redebeitrag und fasst zusammen, weshalb die über 100 Teilnehmenden aus ganz Deutschland zu einer Onlineveranstaltung zusammenkommen, um über langfristige und sozial gerechte Lösungen dieser Krisen zu diskutieren.
Das Zentrum KlimaAnpassung (ZKA) wurde vor einigen Jahren gegründet, um Kommunen bei den Herausforderungen, die sich deutschlandweit durch den Klimawandel ergeben, zu unterstützen. Mit dem Aufbau des Zentrums wurden das Deutsche Institut für Urbanistik gGmbH (Difu) und der Think-Tank adelphi vom Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) betraut. Zuständige Akteur*innen in den Kommunen stellen nämlich immer wieder fest, dass soziale Gerechtigkeit eine zentrale Voraussetzung für gelungenen Klimaschutz darstellt. Und obwohl es nicht die eine richtige Antwort zur Lösung dieser Herausforderungen gebe, sei es dennoch relevant, praktische Ansätze im Klimaanpassungsprozess zu sammeln, heißt es in der Einleitung der Veranstaltung.
Anhand von vorgestellten Beispielen aus unterschiedlichen Berufsgruppen diskutierten die Teilnehmenden zahlreiche Initiativen der Klimaanpassung. Zu Gast waren Prof. Dr. Christian Schröder der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, Renate Poccia der Academy in Exile sowie nicht zuletzt Gloria Nguyen vom Quartiersmanagement Soldiner Straße/Wollankstraße und Lynn Türk vom solidarischen Lehrgarten ElisaBeet.

Bei den Gästen aus dem Saarland und Dortmund standen einerseits Lehrforschungsprojekte von Hochschulen und Kommunen und andererseits ein sogenannter Mikrowald auf einer ungenutzten städtischen Fläche im Mittelpunkt. Bei beiden Projekten geht es auf ihre Art um soziale Gerechtigkeit, in dem entweder sozial benachteiligte Stadtteile fokussiert werden, um Verfahrensgerechtigkeit sicherzustellen. Oder indem ein „Garden of Refuge“, eine begrünte, klimasensible Stadtoase angelegt wird, die das psychische und körperliche Wohlbefinden sowie die Stärkung der Beziehungen innerhalb einer Gemeinschaft fördern soll, welche die Klimakrise und dadurch erzwungene Migration zusammen denkt.
Das Quartiersmanagement Soldiner Straße/Wollankstraße stellte hingegen das Projektfondsprojekt „Klima im Kiez 2.0“ vor. Zunächst gab Gloria Nguyen eine kurze Einführung in die Strukturen des QMs: Beteiligungsprozesse, Datenerhebungen, anhand derer beurteilt wird, wo es Bedarfe gibt und wie diese anhand von Projekten angegangen werden sollen, und die Vorgaben, die dabei zu beachten sind. Besonders zentral dafür ist das Handlungsfeld „Öffentlicher Raum“, in dem Umweltgerechtigkeit grundlegend mitbedacht werden muss. Dazu gehört auch die Voraussetzung, dass im Aktionsfonds mindestens eine durchgeführte Aktion pro Jahr einen relevanten Beitrag zum Klimaschutz leisten muss.

Da das Ziel der Arbeit im Quartiersmanagement stets die nachhaltige Verankerung von Projekten ist, wurde „Klima im Kiez“ erst Ende 2025 für eine Laufzeit von weiteren zwei Jahren verlängert. So stellte also Lynn Türk, die Projektleitung, beim ZKA Spezial „Klima im Kiez 2.0“ vor. Analog dazu, dass das QM in erster Linie dort Projekte einrichtet, wo konkrete Bedarfe bestehen, hat sich auch das ElisaBeet auf dem St. Elisabeth Friedhof an der Wollankstraße gegründet, nachdem sich die Bevölkerung in einer Umfrage Naherholungsorte und einen Gemeinschaftsgarten gewünscht hatte.
Von Anfang an war dem solidarischen Lehrgarten die Umweltbildung ein wichtiges Ziel. Um verschiedene Zielgruppen mit diesem Anliegen zu erreichen, nutze das Projekt bereits bestehende Strukturen wie Kiezmessen, organisiere Aktionen und helfe bei Spielstraßen Baumscheiben mit Kindern zu bepflanzen oder werde kreativ am sogenannten Parking Day, an dem Parklücken für einen Tag besetzt werden und das ElisaBeet stattdessen Smoothies mit gerettetem Gemüse anbiete. Doch auch die Arbeit mit lokal verankerten Akteur*innen sei für das ElisaBeet wichtig, weshalb es zum Beispiel gemeinschaftlich organisierte Aktionen mit „Kochen und Kultur“ ins Leben ruft, Jugendzentren unterstützt oder am lebendigen Adventskalender im Soldiner Kiez teilnimmt. Grundsätzlich möchte sich das ElisaBeet als Lebensmittelpunkt im Kiez etablieren – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn nicht nur als Treffpunkt möchte der Garten eine besondere Funktion erfüllen, sondern auch um zentrale Fragen des Klimaschutzes zu beantworten wie: „Woher kommt mein Essen? Wie ernähre ich mich?“ Grundsätzlich sind jedoch alle Angebote niedrigschwellig, kostenlos und an die Bedarfe des Kiezes angepasst.

Die Teilnehmenden aus ganz Deutschland stellen sofort interessiert Fragen, unter anderem nach den Beteiligungsformaten, die im Soldiner Kiez gut angenommen werden. Einzig bei Personen, die wenig bis kein Deutsch sprechen, sei es noch schwierig, sie zu erreichen. Daher arbeite das ElisaBeet gerade daran, Projekte auf bestimmten Sprachen einzurichten, um weitere Personen zu erreichen. Dies sei nämlich eine langwierige Arbeit, für die es Schlüsselpersonen in bestimmten Gemeinschaften brauche, erklärt Gloria Nguyen. „Beziehungsarbeit ist gar nicht so schnell gemacht, auch nicht mit einem mehrsprachigen Flyer.“
Auch die Frage nach grüner Gentrifizierung wird viel diskutiert. Lynn Türk argumentiert jedoch, dass diese eher durch größere Maßnahmen einer Stadt erfolge, wie die Aufwertung von Grünflächen und Parkanlagen. Da das QM-Projekt im kleinen Format agiere, mit Baumscheiben und klimaresistentem Pflanzen in Einrichtungen, seien die Maßnahmen nicht als Gentrifizierung zu bewerten. „In den QM-Quartieren gibt es grundsätzliche Probleme des (Über-)Lebens“, beobachtet Gloria Nguyen, weshalb die grundsätzliche Aufwertung von Plätzen im Wedding an einzelnen Stellen möglicherweise zu Momenten der Gentrifizierung geführt haben mögen, diese den Soldiner Kiez aber bisher nicht zwingend träfen.
Zum Schluss werden die Referent*innen gebeten, ihre drei wichtigsten Tipps zur Erfüllung einer sozial gerechten Klimaanpassung in Kommunen zu teilen. Lynn Türk fasst sich kurz: In der Erfahrung des ElisaBeets seien vor allem Essen, Pflanzen und Mitmachen die Schlüssel zum Erfolg. Die Nutzung von bereits bestehenden Strukturen sowie Kooperationen mit Institutionen seien zentral, aber auch gemeinsame Vernetzungsveranstaltungen rund um Herzensthemen wie Essen oder gemeinsame Bepflanzungsaktionen hätten sich als produktiv erwiesen.
Und für alle, die selbst aktiv werden möchten: Vom 14. bis 20. September können interessierte Personen an zahlreichen Veranstaltungen und Aktionen der bundesweiten Woche der Klimaanpassung teilnehmen. Zum Terminkalender der Aktionswoche geht es hier.
Text: Kassandra Catrisioti-Forgione (Webredaktion), Fotos und Präsentationsfolien: Quartiersmanagement Soldiner Straße/Wollankstraße, Klima im Kiez 2.0
