Nachbarschaft erzählen mit dem Aktionsfonds

Wie nehme ich meinen Kiez wahr? Und wie kann ich diese Eindrücke in Worte fassen? Mit diesen und weiteren Fragen hat sich die Schreibwerkstatt im Soldiner Kiez „Nachbarschaft Erzählen“ in einer vier-teiligen Workshopreihe beschäftigt. Bei den gemütlichen Sonntagabenden im Kieztreff Kamine konnten interessierte Nachbar*innen an den Schreibworkshops unter Leitung des Jungen Literaturinstituts teilnehmen. Dank der Finanzierung durch den Aktionsfonds des Quartiersmanagements Soldiner Straße/Wollankstraße war die Teilnahme kostenlos.
An den ersten Abenden lief die Gruppe durch den Kiez, um Material zu finden, mit dem sie ins Erzählen kommen, bevor die Teilnehmenden konkrete Augenblicke festhielten und daraus erste Szenen, Figuren und Geschichten entwickelten. Beim vierten und letzten Treffen wurden die Texte überarbeitet und in ihrer finalen Form gestaltet.
Maxim Kares, freier Autor und Literaturvermittler, der die Workshopreihe angeleitet hat, berichtet, dass die Gruppe immer gut ins Schreiben gekommen sei. Auch Amaya bestätigt den Erfolg aus Sicht einer Teilnehmerin. Es habe immer großen Spaß gemacht, deswegen sei sie auch bis zum letzten Treffen gekommen.
Bei diesem letzten Treffen steht die Frage im Mittelpunkt: „Welche Form soll mein Text bekommen?“. Um sich auf diese Frage einlassen zu können, leitet Maxim eine Warm-Up-Übung im „automatischen Schreiben“ an. Auf Grundlage eines Satzes, den die Teilnehmenden inspiriert von ihrem Alltag frei wählen dürfen, sollen sie sieben Minuten lang alle Gedanken dazu aufschreiben, ohne den Stift abzusetzen. Die Schreibenden sollen sich nicht begrenzt fühlen, die einzige Vorgabe besteht jedoch darin, dass die Aufgabe unbedingt handschriftlich erfolgen muss. „Quatsch ist dabei ausdrücklich erlaubt“, betont Maxim.
Nach der ersten Runde im freien Schreiben sollen die Teilnehmenden nun ihre jeweils stärksten Stellen auswählen. In der ersten Schreibrunde scheint einiges zusammengekommen zu sein, denn eine Person stellt fest: „Mein Gehirn hat schneller produziert, als ich aufschreiben konnte.“ Maxim erklärt, dass diese Form des Auswählens durch die sich ausprobierenden Schriftsteller*innen, bereits erste Schritte dafür seien, einen Text zu formen. Im Anschluss an das offene Schreiben teilen die Teilnehmenden in einer kurzen Reflexionsrunde ihre Eindrücke:

„Ich fand’s richtig cool, um mal aus sich heraus zu kommen, wenn man nicht absetzt und weiter schreibt.“
„Mir macht das Spaß, weil man dabei herausfindet, was man denkt – ohne dass man weiß, dass man es denkt.“
Sobald die jungen Kiez-Schriftsteller*innen ins Rollen gekommen sind, arbeiten sie für die restlichen zwei Stunden des Workshops mit ihren angesammelten Schreibfähigkeiten weiter, überarbeiten ihre Geschichten aus und über den Soldiner Kiez. Von Maxim gibt es reichlich unterstützendes Material und Hinweise, damit das Schreibexperiment gelinget. Das Junge Literaturinstitut, das Maxim vor fünf Jahren mitgegründet hat, versteht das als Literaturvermittlung – neue und vielfältige Zugänge zum Schreiben durch die Freude am Ausprobieren.
Der Sitz des Jungen Literaturinstituts ist zwar in Leipzig, die Einrichtung ist aber deutschlandweit aktiv. Neben Kooperationen mit dem Deutschen Literaturinstitut Leipzig, hat die junge Schwesterorganisation daher auch schon länger gemeinsame Projekte mit dem Kieztreff Kamine im Soldiner Kiez im Blick gehabt. So konnte Maxim, der im Kiez wohnt und schon länger etwas im Quartier anbieten wollte, anhand finanzieller Hilfe durch das Quartiersmanagement und die organisatorische Unterstützung vom Kieztreff die Workshopreihe auf die Beine stellen.
Text/Fotos: Kassandra Catrisioti-Forgione (Webredaktion)
