Wir feiern 25 Jahre Kolonie Wedding!

„Vor 25 Jahren hätte ich niemals gedacht, dass es so lange bestehen bleibt“, reflektiert Lukas Born. Damals, in den Anfangsjahren des Quartiersmanagements Soldiner Straße/Wollankstraße, wagte man zwar den Versuch, leerstehende Gewerberäume an Künstler*innen zu vergeben, doch das sich daraus ein Verein und damit eine künstlerische Institution im Soldiner Kiez verfestigt, ahnten Born und seine Kolleg*innen nicht.

25 Jahre Kolonie Wedding

Doch genau das wurde Ende Juni gebührlich gefeiert: stolze 25 Jahre Kolonie Wedding. Der einzigartige Zusammenschluss aus über 20 Projekträumen mit abwechslungsreichem Programm für alle Altersgruppen feiert sein Jubiläum in diesem Jahr im okk/raum29 mit zahlreichen Gästen aus Kunst, Nachbarschaft und Politik. Bei heißem Sommerwetter, mit kalter Gazpacho, reichlich Wasser, musikalischer Begleitung von Lindsay Cammac und mit anschließender Führung durch die neuen Ausstellungen feiern die Anwesenden das Herzensprojekt, an dem schon so viele Personen mitgewirkt haben.

Wie könnten sie dabei nicht ein wenig nostalgisch werden und an vergangene Zeiten denken: „Bei dem Projekt musste alles von Anfang an aufgebaut werden“, erinnert sich Lukas Born. Inspiriert von einer ähnlichen Initiative in Moabit, wo einige Zeit vorher leere Räume ebenfalls weiter gegeben wurden. Mit etwas Mühe und viel Werbung, zum Beispiel bei Kunstschulen, baute sich somit Stück für Stück ein Netzwerk von Künstler*innen auf, das einige Jahre später einen Verein gründete, um die Strukturen zu festigen.

Die neu-angesiedelten Kunsträume rund um die Koloniestraße wurden von Anfang an gemeinsam unter dem Namen „Kolonie Wedding“ betrachtet. Das Ziel bestand nämlich darin, die namensgebende, zentrale Straße im Soldiner Kiez sichtbarer und lebbarer zu gestalten, berichtet Eva Hübner. Die „Kolonie“ im Namen wurde aber auch aus einem anderen Grund ausgewählt: Es sei gewissermaßen eine Sprengung gewesen, Künstler*innen an der damals angeblich gefährlichsten Straße der Stadt zu verankern. „Eine Kolonisierung im positiven Sinne“, fasst Hübner zusammen, die zu Beginn der Kolonie Wedding beim Förderband e.V. tätig war und gemeinsam mit Lukas Born und dem restlichen damaligen Team des Quartiersmanagements Soldiner Straße die Kolonie Wedding maßgeblich initiiert und begleitet hat. Während die „alten Hasen“ zugeben, dass der Name heute vermutlich nicht mehr genau so gewählt werden würde, erinnern sie sich gerne an den Vergleich zu einer Kleingartenkolonie, die auch im Soldiner Kiez eine Rolle spielt. Dieses Gemeinschaftliche lässt sich unmissverständlich auch bei der Feier zum 25-jährigen Geburtstag spüren.

Die zahlreichen ehrenamtlich organisierten Köpfe der Kolonie Wedding organisieren seit dem Juni 2001 – ohne Ausnahme – an jedem letzten Freitag im Monat gemeinsam durchgeführte Rundgänge durch die Projekträume und ihre Ausstellungseröffnungen. Dabei ist von Bildender Kunst, über Performance und Tanz bis hin zu Musik alles Mögliche dabei. In ihrer dezentralen Organisationsstruktur arbeitet jeder Raum grundsätzlich für sich alleine, kommt jedoch als Kollektiv bei der monatlichen Kolonie zusammen.

Besonders wichtig dabei: „Wir arbeiten nicht kommerziell“, erklärt Tiny Domingos vom Projektraum rosalux in seiner Rede bei der Jubiläumsfeier. Damit setze sich die Kulturarbeit der Bürgerinitiative durch ihre kostenlosen Angebote gegen Polarisierung und für mehr physische Begegnungen ein. Domingos feiert mit seinen Kolleg*innen neben der geleisteten Arbeit des deutschlandweit einzigartigen, kontinuierlich bestehenden Verbunds auch die Resilienz und die Beharrlichkeit des Kollektivs.

Beides sei deswegen von Notwendigkeit, weil „Künstler und Kunsträume kein Luxus [sind], sondern ein wichtiger Bestandteil der sozialen Infrastruktur.“ Doch die Stadt Berlin habe sich in den letzten Jahren verändert:„ Der Druck auf Räume ist enorm gewachsen“, stellt Domingos nüchtern fest.

25 Jahre Kolonie Wedding

Deswegen unterstützt die Degewo die Kolonie Wedding seit 25 Jahren maßgeblich dabei, die Räume, die laut Domingos aus „reiner Leidenschaft“ am Leben gehalten werden, sichtbar zu machen und stellt die ehemals leerstehenden Gewerbeflächen für vergleichsweise geringe Mieten zur Verfügung. Bei der Jubiläumsfeier gratuliert eine Repräsentantin der Degewo: „Wir freuen uns auf die nächsten 25 Jahre mit Ihnen!“

Die Unterstützung sei laut Domingos dringend notwendig, da Berlin an Attraktivität verliere und darunter leide, dass viele Personen die Stadt verließen. Doch anders verhält es sich bei der Kolonie Wedding: „Wir wollen hier bleiben. Wir wollen Berlin. Wir lieben Berlin. Wir sind Berlin! Wir sind das, was Berlin attraktiv und besonders macht“, fasst er eindrücklich zusammen. Dabei hat es die die Künstler*innen aus dem Soldiner Kiez selbst bis ins Ausland verschlagen, zum Beispiel nach Istanbul und Finnland, während es hier vor Ort Ausstellungen von Kolleg*innen aus Los Angeles gegeben hat.

Im heutigen Ort der Feierlichkeiten wird nun eine Recherche zu den 25 Jahren der Kolonie Wedding von Jeanne Spada und Paula Balov (Projektraum Prima Center Berlin) ausgestellt. Eine Zeitreise, deren Besuch sich nicht nur für die interessanten Fakten zur Kolonie lohnt, sondern auch für vergangene und doch weiterhin relevante Blicke auf den Soldiner Kiez. „Wir sind da, seit 25 Jahren“ und ganz ohne die Hilfe wie sie große Kulturinstitutionen in Berlin durch strukturelle Förderungen erhielten, betont Domingos zum Ende seiner Rede.

Das Quartiersmanagement, als eine weitere Institution, die maßgeblich zum Aufbau der Kolonie Wedding beigetragen hat, freut sich indes fast schon darüber, kaum mehr im Mittelpunkt zu stehen. Während Eva Hübner in einem kurzen Grußwort hervorhebt, dass die Kolonie Wedding ohne die Förderung und Unterstützung des Quartiersmangements damals nicht hätte entstehen können, beobachtet Lukas Born heute hingegen, dass es schön zu sehen sei, wie selbstverständlich sich die Kolonie Wedding im Kiez etabliert habe. „Sie machen ihre Arbeit mit solch einem Selbstbewusstsein“, stellt er stolz fest. Eine seiner Nachfolgerinnen im Quartiersmanagement Soldiner Straße/Wollankstraße, Annette Overmeyer, macht ebenfalls deutlich: „So soll es sein! Projekte sollen langfristig so verankert sein, dass sie auch ohne das Quartiersmanagement überleben können.“

Mit Blick auf die vielen Generationen, die dieses Projekt seit nunmehr 25 Jahren Monat für Monat ehrenamtlich auf die Beine stellen und begleiten, gratulieren wir herzlich zum Jubiläum und wünschen alles Gute für viele weitere Jahre im einzigartigen Verbund im Soldiner Kiez!

Text/Fotos: Kassandra Catrisioti-Forgione (Webredaktion)