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Künstleraustausch der Kolonie Wedding

”Colonia Wedding – Artă contemporană din Berlin în România” vom 29. Mai bis zum 10. Juli 2021 findet die Ausstellung mit 62 Werken von 21 Koloniekünstler*innen im Centrul de Interes in Cluij, Rumänien und ein großartiger 20-Jahre-Jubiläumsauftakt des freien Projektraumverbunds im Soldiner Kiez statt.

Koloinie Wedding Fleyer

Kolonie Wedding

Berlin gilt derzeit als eine der Welthauptstädte der Kunst. Neben den bekannten Präsentationsformen zeitgenössischer Kunst in Museen sowie kommunalen und kommerziell orientierten Galerien (etwa 300 bis 400) gibt es in Berlin eine große Anzahl anderer Projekte, wie zum Beispiel Produzentengalerien, temporäre Kunstprojekte, Wohnzimmergalerien oder Projekträume.

Dabei spielen Projekträume für das sehr internationale Berlin eine besondere Rolle. Die Zahl dieser Projekträume schwankt ständig; es wird geschätzt, dass es ungefähr 200 oder 300 sind, über ganz Berlin verteilt und seit 2015 im Netzwerk freier Berliner Projekträume und initiativen e. V. organisiert.

Durch den unbürokratischen und nichtkommerziellen Charakter dieser Räume ist es dort möglich, spontan zu experimentieren, Netzwerke im In- und Ausland zu pflegen, spartenübergreifend zu agieren, Diskussionen anzuregen, Nachbarn einzuladen, Konzerte zu initiieren oder auf Aktuelles zu reagieren. Die Kunst muss weder verkäuflich sein, wodurch Genres zugelassen sind, die in kommerziellen Galerien eher nicht so präsent sind, wie etwa partizipative Aktionen, noch muss sie, wie in den Museen, einem möglichst breiten Publikum entgegenkommen, was Nischenprojekte ermöglicht und auch breiten Raum für Unerprobtes lässt.

Die Räume werden meist von KünstlerInnen oder Kunstinteressierten gemeinsam geführt und finanziert, eine institutionelle Förderung für Kunsträume gibt es in Berlin nicht.

In den Kunsträumen wird über das Dargebotene diskutiert und Meinungen werden ausgetauscht, die KünstlerInnen sprechen über ihre eigene Kunst mit den Besucherinnen und Besuchern, es wird sich gegenseitig von gerade besuchten anderen Ausstellungen erzählt und Empfehlungen ausgesprochen. Kunstschaffende und Kunstinteressierte diskutieren gemeinsam, es wird verglichen, infrage gestellt und grundsätzlich überlegt. Diese Gesprächskultur in der freien Szene ist von großer Bedeutung für die Kunst in Berlin; durch diese Gespräche entstehen neue Ideen für alle Beteiligten. In Zeiten, in denen die Polemik gegen die Medienwelt und das Verschwinden der Menschen hinter ihren Bildschirmen zu einem Gemeinplatz geworden ist, wird in den Kreisen der Kunsträume Facebook nur für Veranstaltungsankündigungen genutzt. Der Dialog findet zwischen tatsächlich anwesenden Menschen statt.

In den Projekträumen wird in kontinuierlichen Versuchen ausgelotet, was zeitgenössische Kunst sein könnte – und welche gesellschaftliche Bedeutung sie haben kann. Die Besuche- rInnen sind Nachbarn, KünstlerInnen aus aller Welt, Kunstinteressierte und Touristen.

Dass es so viele Künstlerinnen und Künstler in Berlin gibt zusammen mit der Vielzahl künstlerischer Positionen, mit ausgedehnten Bekanntenkreisen innerhalb der Kunstszene, sowohl innerhalb Berlins als auch als internationale Netzwerke, und schließlich die leben- dige Gesprächskultur in den Projekträumen haben einen Einfluss auf die Kunst in Berlin, sodass Kunst in Berlin anders ist als anderswo; die Menge, die Vernetzung, die Dynamik bewirken eine Art Quantensprung.

 

 

Kolonie Wedding


Im Wedding hat sich 2001 eine Gruppe von Projekträumen in Berlin Wedding (Gesund- brunnen) als gemeinnütziger Verein namens „Kolonie Wedding“ zusammengeschlossen. Die „Kolonie“ besteht nach 19 Jahren aus 23 Projekträumen im Soldiner Kiez, alle in fußläufigen Entfernungen voneinander.
Viele der Räume haben inhaltliche Schwerpunkte, wie etwa Verbindungen von Kunst und Naturwissenschaften oder Politik. Wieder andere legen Schwerpunkte auf eine bestimmte Kunstgattung wie zum Beispiel Videokunst oder Performance.

Regelmäßig am letzten Freitag im Monat finden in etwa zehn bis zwölf der Räume Vernissagen statt, geführte Rundgänge für Interessierte werden angeboten.
Diese Koordination der Vernissagen ist vielleicht der ungewöhnlichste Aspekt der Kolonie Wedding, eventuell ist das monatliche „Koloniewochenende“ sogar weltweit einzigartig. An einem solchen Abend (oder am auf den Freitag folgenden Sonntagnachmittag) kann man, zum Beispiel, die etwas birarren Gemälde eines in Berlin ansässigen Künstlers in einem Raum sehen, dann eine Gruppenausstellung mit Werken von Künstlerinnen und Künstlern aus Finnland und Schweden, danach guckt man sich brasilianische Videokunst an und noch eine Performance von New Yorkern und noch die Comic-Kunst eines Israelis.

Wie in den Projekträumen überhaupt wird in der Kolonie Wedding die präsentierte Kunst intensiv diskutiert; es ist auch erlaubt, das Gesehene für Schrott zu halten.

Die Kolonie Wedding ist seit ihrer Gründung (vor 19 Jahren) von Anfang an sehr stark international ausgerichtet – die Mitglieder stammen aus allen Teilen der Welt und organisie- ren immer wieder internationale Austauschprojekte. Die Projekträume haben in ihrer Ar- beit gleichzeitig eine starke regionale Ausrichtung und organisieren regelmäßig Events, Aktionen und Ausstellungen mit partizipativem Charakter, an denen die Nachbarinnen und Nachbarn teilnehmen (können).

Eine weitere Besonderheit der Kolonie Wedding ist die Kontinuität der Mitgliederschaft, der beteiligten Räume, der Ausstellungstätigkeit und der internationalen Ausrichtung.

Die Organisation des Vereins ist nicht-hierarchisch; es gibt keine „Leitung“. Der Vorstand des Vereins besteht stets aus vier Mitgliedern der Kolonie, es gibt keine 1. und 2. Vorsitzenden. Beschlüsse werden auf konsensbasis gefällt. Alle einzelnen Projekträume bestim- men eigenständig und unabhängig ihr Programm; der Verein übernimmt vor allem admi- nistrative und organisatorische Aufgaben, die alle betreffen, zum Beispiel die Gestaltung und den Druck des monatlichen Flyers und die Pflege der gemeinsamen Website. Der Ver- ein beeinflusst nicht die künstlerische und kuratorische Arbeit der einzelnen.

Vielleicht kann die „Kolonie“ selbst, in einem erweiterten Kunstbegriff, als eine Art Ge- samtkunstwerk begriffen werden. Eines, das Grenzen überschreiten kann und neue Vorstel- lungen entstehen lässt.