Nachbarn im Gespräch

In der Reihe "Nachbarn im Gespräch" lud Kiezreporter Andrei Schnell im März 2018 Clarissa Meier, im Februar 2018 Stefan Höppe, im Januar 2018 Rainer Koppitz, im November 2017 Horst Schmiele, im November 2017 Lena Reich und im Oktober 2017 Thomas Kilian zum Interview ein.

Nachbarn im Gespräch: Clarissa Meier: „Verantwortung tragen“

Clarissa Meier
Clarissa Meier. Foto: Andrei Schnell

Sie ist Unternehmerin und engagiert sich. „Wer Verantwortung übernehmen kann, der muss auch“, sagt sie. Seit rund 20 Jahren kümmert sich Clarissa Meier nebenbei auch um den Soldiner Kiez.

 

Clarissa Meier ist Inhaberin des „Seniorendomizils an der Panke“, des Hotels „Big Mama“ und des Cafés „La Tortuga“ in der Koloniestraße. Damit könnte sie genug Verantwortung tragen. Doch die 49-jährige nimmt sich Zeit, um sich zusätzlich für Kiezinteressen einzubringen.

Die Motivation, ihrem Umfeld etwas zurückzugeben, zieht sie auch einer persönlichen Erfahrung. „Ich habe verantwortungsvolle Menschen in meinem Leben getroffen, denen ich viel verdanke.“ Nun möchte sie etwas zurückgeben. Wenn sie über ihr Leben spricht, wirkt sie wie ein Stehaufmännchen. Offenkundig ist sie ein Mensch, der nach vorn blickt, der destruktive Gefühle überwindet, der das Positive sieht. „Ich habe einen liebevollen Blick auf den Kiez, nicht voller Zorn.“

Seit dem Jahr 2000 leitet sie das Seniorenheim in der Koloniestraße, das damals noch ihrem Ehemann gehörte. Von Anfang ging sie Schritt für Schritt auf ihr Ziel zu, das Haus zum Kiez zu öffnen. „Meine Idee war, ein Kiezzentrum zu schaffen.“ Blickt sie heute auf das in fast 20 Jahren Erreichte zurück, sagt sie: „Ich hatte mir noch mehr vorgestellt.“ Zunächst fing es damit an, die Türen nicht länger abzuschließen. Jetzt bezuschusst sie ein Café, in dem sich die Bewohner des Heims und die Menschen aus dem Kiez treffen können.

Als das Quartiersmanagement 1999 in den Soldiner Kiez das Vorortbüro eröffnete, war sie einer der ersten, die sich im Quartiersrat einbrachten. „Herr Fischer kam damals zu mir und fragte mich, ob ich mitmachen wolle. Seine Einladung traf sich mit meinem Wunsch, meine Seniorenresidenz in Richtung Kiez zu öffnen.“ Sich öffnen, das hieß für sie auch immer, Verantwortung zu zeigen. Zum Beispiel schuf sie Ausbildungsplätze für Jugendliche aus dem Kiez, als solche Stellen in Berlin knapp waren. Sie unterstützt seit neun Jahren die Senioren-Cheerleading Gruppe. Oder sie führte das ursprünglich geförderte Kalenderprojekt auf eigene Kosten weiter. Sie hat sich verpflichtet, zehn Jahre lang die Beleuchtung für den nachts dunklen Weg von der Koloniestraße zur Panke zu bezahlen. „Wer Verantwortung übernehmen kann, der muss auch“, sagt sie dazu.

27. März 2018

Nachbarn im Gespräch: Der Kulturmanager Stefan Höppe

Stefan Höppe
Stefan Höppe, Kiezaktiver und Kulturmanager. Foto: Andrei Schnell

Er ist Vorstandsmitglied des Soldiner Kiezvereins, arbeitet im Quartiersrat und er war zeitweise Unterstützer von Wedding hilft. Kulturmanager Stefan Höppe setzt sich seit zehn Jahren ein.

Der 52-jährige Stefan Höppe lebt seit exakt zehn Jahren im Soldiner Kiez. „Ich traf dort auf ein nachbarschaftliches Netzwerk, das hatte ich in dieser Art zuvor noch nie erlebt“, erinnert er sich, wie es ihm erging, als er Anfang Januar 2008 in die Wriezener Straße zog. „Es ist schön, alle möglichen Leute hier zu kennen - und dass sie mich alle kennen.“ Schnell trat er in den Soldiner Kiezverein ein und ist dort seit rund zwei Jahren Vorstandsmitglied.

Auch im Quartiersrat hat sich Stefan Höppe eingesetzt. Insgesamt sechs Jahre lang hat er als gewählter Bewohner mitdiskutiert. Ob er ein weiteres Mal antreten wird? „Ich bin nicht so ein Kiezaktivist“, sagt er, „ich sehe mich eher als Kulturarbeiter“. Und doch ist er immer wieder bereit, ehrenamtlich etwas auf die Beine zu stellen. Zuletzt etwa den Talk im Kiez am 23. November zum Thema Jugendtheater.

Fast nebenbei erwähnt Stefan Höppe im Gespräch noch, dass er für das Netzwerk Wedding.hilft Feste mitorganisiert hat. Oder dass er die Facebook-Seite von Kiezklang, einem bis vor kurzem vom Quartiersmanagement geförderten Projektfonds-Projekt, für Kulturveranstalter aus dem Kiez geöffnet hat.

Als Kulturmanager lebt Stefan Höppe – mehr schlecht als recht - von den Events, die er organisiert. So ist er Kurator der Ausstellung „Verpuppung/Palimpsest“ im Projektraum „prima center berlin“, die am 23. März eröffnen wird. Zu sehen sein werden dort Gemälde und Kurzfilme der in Paris lebenden iranischen Künstlerin Shora Falah Vahdati. (Weitere Infos auf Facebook). Viele weitere Projekte hat er bereits in Planung, darunter ab April ein monatlicher Kultursalon im Kreuzberger Projektraum Forum Factory. Doch trotz seiner zukünftig stärkeren berlinweiten Ausrichtung wird Stefan Höppe auch weiterhin mit Events im Soldiner Kiez präsent bleiben, etwa Konzerten in der Nachbarschaftsetage oder in der Golden Lounge.

Während der letzten Jahre lag sein Schwerpunkt auf Musikevents im Rahmen des Projekts KiezKlang, darunter auch der Panke Parcours. Von 2013 bis 2016 stellte er ihn jährlich mit Birgit Bogner auf die Beine. Die Organisatoren des Parcours in diesem (und auch im letzten Jahr) unterstützt er.

Stefan Höppe, ursprünglich Japanologe, ist seit über 15 Jahren als freiberuflicher Kulturmanager tätig. Zunächst hatten diese Kulturveranstaltungen einen fernöstlichen Schwerpunkt, wie etwa das von ihm maßgeblich mitorganisierte Berlin Asia Pacific Film Festival, das 2003 im Rahmen der Asien-Pazifik-Wochen startete und vier Mal, von 2003 bis 2006, stattfand. Zwischenzeitlich hat er für diverse Kulturvereine (bengalisch, arabisch, afrikanisch) gearbeitet, außerdem für das Kulturnetzwerk Wedding/Moabit.

26. Februar 2018

Nachbarn im Gespräch: Rainer Koppitz: „Ich muss unter Leute“

Rainer Koppitz
Rainer Koppitz während einer Beratung. Foto: Andrei Schnell

Im Kindertreff „Frisbee“ in der Koloniestraße berät Rainer Koppitz seit 2008 bei Formularen, Anträgen oder offiziellen Briefen. Nach einem Berufsleben mit vielen Wendungen ist er nun der Kiezberater.

 

Mit 73 Jahren hat Rentner Rainer Koppitz zwar viel Zeit. Doch die will er sinnvoll nutzen. "Ich muss raus, muss mich bewegen, unter Leute kommen", beschreibt er seine Motivation acht Stunden pro Woche im Kinder- und Stadteiltreff "Frisbee" Nachbarn zu beraten. In der Koloniestraße 129 hilft er mit niedrigschwelliger Beratung. Er füllt Formulare aus oder unterstützt bei Problemen mit Ratenzahlungen. "Aber ich bin kein Rechtsanwalt. Wenn ich nicht helfen kann, dann verweise ich auf die richtigen Ansprechpartner", erklärt er seine Hilfestellungen.

Im November 1999 kam er über eine Weiterbildung vom Arbeitsamt als Praktikant ins Quartiersmanagement in die Koloniestraße. Das bedeutete aber nicht, dass er damals mit Mitte Fünfzig nicht durchaus selbstbewusst aufgetreten wäre. So überzeugte er 2008 die damaligen Quartiersmanager, auch vorübergehend nicht mit in ein Großraumbüro umzuziehen. Vor den notwendigen Bauarbeiten im Kleinbüro floh er lieber ins Frisbee, und fand dort einen neuen Ort für seine Beratungen. Seitdem ermöglicht der soziale Träger casablanca gGmbH Herrn Koppitz Beratung und zahlt ihm eine Aufwandsentschädigung.

Einen gewissen Stolz darf Rainer Koppitz tragen. Denn er hat in seinem Leben einiges erreicht. Als er von der achten Klasse abging, da wollte der Sachse ("Eigentlich Schlesier, aber das ist eine andere Geschichte") zunächst eine Lehre als Lokomotivschlosser machen. Damals war eine achtjährige Schullaufbahn selbst in der DDR, die schon früh die zehnjährige Schule einführte, nicht ungewöhnlich. Eine Krankheit kam seinen Plänen dazwischen und er begann zunächst in der "Wanne" zu arbeiten. Die "Wanne" war vor vor rund 50 Jahren ein Häuschen am Eingang eines Bahnhofs. Dort kontrollierte er Fahrscheine. "Damals gab es für 20 Pfennig eine Bahnsteigkarte", erinnert sich.

Doch dann startete er noch einmal durch. Mit 29 Jahren begann er in Cottbus ein Ingenieurstudium. Er arbeitete sich hoch bis in die Leitung eines Textilkombinats. Ein Kombinat war in der DDR eine Nachbildung eines Konzerns. Die Arbeit der technischen Leiter von 80 Firmen koordinierte er. Doch dann kam das Jahr 1989, der wirtschaftliche Niedergang im Osten kostete ihm seinen Job. Auch sein Studium wurde nicht anerkannt. Also versuchte er einen Neustart und studierte noch einmal, um das Diplom Betriebswirt zu erreichen.

Nach Berlin kam Rainer Koppitz erst 1996. "Immer wenn eine Zeit der Arbeitslosigkeit kam, habe ich sofort eine Weiterbildung für mich durchgesetzt", sagt er heute. Und wie das so sagt, da ist zu spüren, dass Rainer Koppitz ein Mann ist, der sein Leben immer fest in den Händen hielt. Vielleicht spüren das auch die Menschen, die sich beim ihm Rat holen. Möglich, dass er neben Tipps und Tricks zum Leben mit Schulden oder zum Ausfüllen von Formularen nebenbei auch vermittelt, dass es stets darauf ankommt, immer das Beste aus der Lage zu machen.

24.01.2018

Nachbarn im Gespräch: Wie Horst Schmiele seit 2004 hilft

Horst Schmiele
Horst Schmiele: "Ich muss einfach helfen"

Das soziale Zentrum in der Wollankstraße hat eine Kleiderkammer, Lebensmittelausgabe, Schüler-Mappi-Station und ist Begegnungsstätte. Horst Schmiele hilft hier Familien mit geringem Einkommen.

 

Es war 2004. Da ging Horst Schmiele zum Arbeitsamt, um für die Firma, bei der er arbeitete, Insolvenz anzumelden. „Das müssen sechs Betroffene sein und wir waren sechs, die seit Monaten keinen Lohn mehr erhalten hatten“, sagt Horst Schmiele heute. „Auf Montage in München“ sei er gewesen. Nach der Lohnprellung - „der Boss schickte lieber seine Tochter nach Amerika“ - blieb Horst Schmiele in Berlin und half seiner Frau Sabine Schmiele, die damals bei der Berliner Tafel arbeitete. „Bei einer Veranstaltung 2004 zur Eröffnung einer sozialen Einrichtung in Lichtenberg, sagte Sabine Werth von der Berliner Tafel, dass es noch mehr solche Einrichtungen bräuchte. Für meine Frau und mich war das der Startschuss“, erinnert sich Horst Schmiele, der heute Vereinsvorsitzender von „Menschen helfen Menschen in und um Berlin e.V.“ ist.

Die erste mobile Lebensmittel-Ausgabe

MHM, wie sich der Verein selbst kurz nennt, wurde dann auch 2004 gegründet. „Wir boten die erste mobile Lebensmittelausgabe in Berlin an“, die nicht nur Einrichtungen belieferte, sondern auch für Privatpersonen offenstand, erinnert sich Schmiele. Seit fünf Jahren hat der in Reinickendorf gegründete Verein Räume auch im Soldiner Kiez. In der Wollankstraße wurde eine Lagerhalle, die Ältere noch als frühere Markthalle kennen, umgebaut zu einem sozialen Zentrum. Neuestes Angebot ist der Hopla-Shop, in dem Lebensmittel günstig angeboten werden. Die größte Fläche nimmt die Kleiderkammer ein. Bereits seit zehn Jahren gibt es auch die Mappi-Station, wo Schulkinder aus Familien mit wenig Einkommen, Papier und Stifte und alles weitere für den Unterricht bekommen. Und natürlich gibt es immer noch die Lebensmittelausgabe, deren mobiler Teil bis nach Marzahn fährt.

Einfach helfen

„Wir machen das alles, um zu helfen“, sagt Horst Schmiele einfach. Wir, das ist der Verein mit 28 Mitgliedern und vielen freiwilligen Helfern. Und ans Aufhören denkt der 65-jährige nicht, auch als Rentner will er weitermachen. „Geht ja nicht anders.“ Ein klein wenig kürzer tritt er allerdings schon. Sechs Jahre war er Quartiersrat gewesen, aktuell findet er keine Zeit mehr dafür. Auch zu Ausschusssitzungen der Bezirksverordneten in Reinickendorf, Lichtenberg und Mitte geht er nicht mehr so regelmäßig wie früher. „Als Gast darf man nur zuhören, man hat kein Rederecht, dabei hätte ich aufgrund meiner täglichen Erfahrungen so viel zu sagen“, sagt Horst Schmiele. Zum Beispiel über das Leben der rund fünfzehn Mitarbeiter, welche über Bildungs- und Leistungsträger bei MHM beschäftigt sind. Und sehr viel zu sagen hätte er über die Menschen, die in dem sozialen Zentrum in der Wollankstraße Unterstützung und Hilfe suchen.

Mehr Zeit wäre gut

Auf der anderen Seite nimmt er sich Zeit, um seit 2014 aktives Mitglied bei der SPD sein zu können. Er hofft auf diesem Weg, „den Nöten der kleinen Leute “ Gehör zu verschaffen.

Und tatsächlich findet er noch Zeit, um in der Ü60-Mannschaft bei einem Weddinger Traditionsverein – dem SV Norden Nordwest 1898 in der Behmstraße - Fußball zu spielen.

Schwer trägt Horst Schmiele an dem Verlust seiner Ehefrau Sabine, die am 22. März 2016 verstarb. „Sie war das Herz von MHM - und von mir.“

7. November 2017

Nachbarn im Gespräch: Lena Reich sagt: „Ich bin ungeduldig“

Lean
Lena Reich

Sie reflektiert. Und handelt dann vor der eigenen Haustür. „Was ich tue, das ist einfach Nachbarschaftsdenken“, sagt Lena Reich, die sich im Kiez und darüber hinaus an vielen Ecken einsetzt.

 

Lena Reich

Bei einem Treffen auf einen Kaffee gibt Lena Reich nach wenigen Minuten mehrere Buchtipps. „Kritik der schwarzen Vernunft“ von Achille Mbembe (2014) oder „Europa erfindet die Zigeuner: Eine Geschichte von Faszination und Verachtung“ von Klaus-Michael Bogdal (2011) sind zwei dieser Empfehlungen. „Ja, ich mache mir viele Gedanken“, sagt Lena Reich.

Vor allem Gedanken zum Thema Rassismus treiben sie um. Aber nicht bloß theoretisch und abstrakt beschäftigt sie sich mit dem Problem Rassismus im Alltag. Für sie ist es wichtig, in ihrem Umfeld und ihrem Leben anzupacken. „Ich höre oft, dass ich mit den Roma vor der Stephanuskirche reden solle, weil ich mit ihnen so gut könne. Solches Herangehen ärgert mich. Denn jeder kann sie ansprechen und mit ihnen reden.“ Was jeder tun könnte, das tut Lena Reich. Der nachbarschaftliche Kontakt zu einer Romafamilie entstand einfach deshalb, weil sie seit 2005 im Gemeindehaus der Stephanuskirche Tür an Tür mit dieser Familie wohnt. „Wir hatten viel Zoff über Müll und Lärm. Natürlich. Aber wir haben uns über die Kinder, die im Gemeindegarten zusammen gespielt haben, dann immer weiter kennengelernt. Ganz normal!“

Als normal und als überhaupt nicht ungewöhnlich empfindet sie ihren Einsatz für die Initiative „Wedding.hilft“ im Jahr 2015. „Aber ich bin ungeduldig“, sagt die 37-jährige. Statt für die Initiative in Gremienarbeit zu gehen, hat sie einer geflüchteten Familie praktisch geholfen und hält noch heute Kontakt zu ihr.

Es sind zwei sich ergänzende Eigenschaften, die Lena Reich bewegen. Der gebildete Teil in ihr sagt durchdachte Sätze wie: „Jeder sollte sich mit seinen eigenen Rassismen auseinandersetzen.“ Der anpackende Teil in ihr zählt auf: „Ich springe jetzt ein, um das Projekt mit den Romakindern zu einem Erfolg zu führen.“ Oder: „Für die kleine Ausstellung Weddinger Freiheiten habe ich ein Videobeitrag gedreht.“

Seit 2014 arbeitet Lena Reich im Kiez ehrenamtlich im Quartiersrat mit. „Das Quartiersmanagement hat nur ein kleines Handlungsfeld. Aber für mich ist die Arbeit dort dennoch gut, ich bekomme viel über den Kiez mit.“ Themen wie Milieuschutz oder Schulsanierung, sind dagegen Diskussionen die „schleppen“.

Als Journalistin schreibt sie für Amnesty International. Aber auch im Art Magazin, in der Tageszeitung Junge Welt, bei Spiegel Online, Zeit-Online oder Zitty sind ihre Reportagen zu finden. Ihre Magisterarbeit „Miss GULAG und die Rolle des weiblichen Körpers in der russischen Lagerliteratur“ hat sie 2013 veröffentlicht. Aktuell arbeitet sie an einem Kinderbuch, für das sie noch einen Verlag sucht.

21. November 2017

Nachbarn im Gespräch: Warum sich Thomas Kilian engagiert

Thomas Kilian
Thomas Kilian engagiert sich für den Soldiner Kiez.

Der Autor, Soziologe, Journalist, Philosoph und Kiezaktive Thomas Kilian tanzt auf vielen Hochzeiten und doch liegt ihm nur eine Sache ernsthaft am Herzen: der Stadtteil rund um die Soldiner Straße.

 

Gleich bevor das Gespräch beginnt, wehrt Thomas Kilian – nicht bescheiden, sondern ernsthaft - ab: „Ich bin kein Vorbild. Jeder muss das machen, was er mit seinen Voraussetzungen machen kann.“ Zum Beispiel hilft es ihm, seit einigen Jahren aufgrund einer psychischen Krankheit berentet zu sein. So hat er schlicht mehr Zeit als andere. Aber er nutzt seine Zeit eben auch.

Thomas Kilian im Kiez

Er nutzt seine Zeit gründlich. Für andere. Für den Kiez. Seit 2003 ist er Mitglied im Soldiner Kiezverein. Er schreibt auf der Webseite des Vereins über kiezpolitische Themen und ist seit 2006 für Buchhaltung und Kasse zuständig. „Ich habe ,Kiezreporter' von der Pike auf gelernt. Schon mit 16 Jahren habe ich bei den Fürther Nachrichten als Lokaljournalist gearbeitet“, erzählt er.

Als der Bezirk Mitte „Leitlinien für Bürgerbeteiligung“ erarbeitete, war Thomas Kilian bei den öffentlichen Arbeitsgruppen dabei. „Durch Beteiligung kann mehr Transparenz entstehen, es können besser legitimierte Entscheidungen hergestellt werden“, begründet er, warum er diese Arbeit für wichtig hält.

Er war aktiv bei „Wedding hilft“. Das Netzwerk, das im November 2014 im Soldiner Kiez in der Osloer Straße gegründet wurde, kümmert sich um Willkommenskultur. „Ich habe schwarze Bretter für eine bessere Kommunikation organisiert, habe zu Kegelabenden eingeladen oder bin mit Flüchtlingen ins Konzert gegangen“, beschreibt Thomas Kilian seine Mitarbeit im Netzwerk.

Gegen Vorurteile über den Soldiner Kiez schrieb er in Kiezzeitungen oder hielt den im Video festgehaltenen Vortrag: „Warum der Soldiner Kiez nicht gefährlich ist“.

Wichtig ist ihm auch die Erwachsenenbildung. In unregelmäßigen Abständen hält er Seminare, die über die Landeszentrale für politische Bildung finanziert werden. Und er lädt gerade wieder ein zu „philosophischen Cafés“. „Vor drei Jahren habe ich bereits eine solche Reihe gemacht, die hat mir auch geholfen, mein Buch zu schreiben.“

Thomas Kilian als Philosoph

Es wäre zu tief gestapelt, Thomas Kilian einfach nur als Autor zu bezeichnen. Sein Buch „Gesellschaftsbild und Entfremdung“ weist ihn als Philosophen aus, auch wenn er sich selbst gern als Soziologen sieht.

„Meine These in dem Buch ist: Ich biete ein Gesellschaftsbild an, von dem ich glaube, das man mit ihm besser zurechtkommt.“ Damit meint er: „Statt ein hierarchisches Bild von Gesellschaft, schlage ich ein Bild einer differenzierten Gesellschaft vor. Es geht nicht, immer nur mehr Wirtschaft und mehr Staat zu fordern, man muss Kultur und Bildung als eigenständige und vor allem gleichrangige Felder betrachten.“ Seine Motivation, das Buch mit dem Untertitel „Die Folgen unverarbeiteter gesellschaftlicher Komplexität“ zu schreiben, liegt in einer Furcht. „Ich habe Angst vor einem Einbruch. So wie das römische Reich einst untergegangen ist. Die Gefahr ist erst vorbei, wenn die Moderne vollendet ist. Und sie ist vollendet, wenn auch ihr Gesellschaftsbild modern ist.“

Das Buch mit 600 Seiten ist im Athena-Verlag erschienen und kostet 39,50 Euro.

Der Mensch Thomas Kilian

Die großen Fragen des Lebens haben Thomas Kilian bereits als Kind beschäftigt. „Ja, die Sinnfrage, die ist mir immer näher als naiver Materialismus.“ Das liegt auch an der religiösen Erziehung seiner Eltern im Landkreis Fürth bei Nürnberg in Franken. „Ich bin aus der Kirche ausgetreten, weil in unserem 3.000-Seelen-Dorf bei der Konfirmation alle Mitschüler nur an die Geschenke gedacht haben“, sagt Kilian spöttisch und ernsthaft zugleich. Denn gerade mit seinem Austritt aus solchen Gründen hat er vielleicht seine religiöse Lebenshaltung bewiesen. Er selbst sagt: „Ich bin Agnostiker.“ (Agnostiker sagen nicht, es gibt keinen Gott; sie sagen: ob es Gott gibt, kann der Mensch nicht entscheiden).

Nach Berlin kam Thomas Kilian 1995 nach seinem Studium in Hamburg. „Zuerst wohnte ich in der Osloer Straße – ich kam also gleich in den Soldiner Kiez. Seitdem lebe ich hier.“

Über sich selbst sagt er: „Ich bin mehreres. Ich bin patchwork-orientiert, kein Dichter, aber ein bisschen Journalist, ein bisschen Soziologe, ein bisschen Lehrer, ein bisschen Kieztratsche – ja es ist meine Idee, dass man mehrere Felder bespielen soll, wenn man die Möglichkeiten hat.“

Sein persönlicher Antrieb, sich mit großen Gedanken im Kopf auf der kleinen Ebene des Kiezes einzubringen ist: „Natürlich ist es für mich auch ganz einfach wichtig, etwas über Institutionen zu lernen, Menschen kennen zu lernen, Freunde zu finden und Gemeinschaft zu erleben.“

Weitere Infos:https://thomaskilian1966.wordpress.com

Thomas Kilian betreibt eine eigene Webseite.

9. Oktober 2017