Die Not der Obdachlosigkeit / Diskussionsabend

Im Vorfeld der Nacht der Solidarität forderte die Berliner Obdachlosenhilfe Veränderungen im Hilfesystem. Diskussion in der Fabrik Osloer Straße.

Diskussion Obdachlosigkeit

Während der Diskussion über Obdachlosigkeit in der Fabrik Osloer Straße. Foto Andrei Schnell

Klaus-Peter Licht

Klaus-Peter Licht organisiert die Nacht der Solidarität. Foto Andrei Schnell

Die Nacht der Solidarität braucht keine Freiwilligen mehr, es gibt bereits zahlreiche ehrenamtliche Berlinerinnen und Berliner, die in der Nacht vom 29. zum 30. Januar Menschen ohne Bleibe zählen wollen. Bei einem Diskussionsabend am 13. Januar in der Fabrik Osloer Straße zum Thema Obdachlosigkeit in Berlin ging es deshalb nicht darum, Interessierte für die Nacht der Solidarität zu werben.

Warum Menschen obdachlos sind

Frieder Krauß, einer von sieben Vorständen der Berliner Obdachlosenhilfe, wandte sich auf dem Podium gegen das Argument, dass in Deutschland niemand obdachlos sein müsse. So seien es manchmal die Behörden, die Menschen als nicht "wohnfähig" einstufen würden. Eine Änderung eines Bundesgesetzes im Jahr 2016 schließe EU-Ausländer von Hilfen aus. Und nicht zuletzt seien im Hartz-IV-System die Sätze für erlaubte Mieten in Städten wie Berlin viel zu niedrig. "Die Zahl der Obdachlosen wäre deutlich niedriger, wenn es höhere Sätze gebe", so Frieder Krauß auf direkte Nachfrage.

Projekte wie housing first, wovon es in Berlin bloß 70 gebe, müssten ausgeweitet werden Bei housing first wird im ersten Schritt eine Wohnung zur Verfügung gestellt, bevor andere Probleme wie Sucht oder psychische Erkrankungen angegangen werden. "Housing First Berlin geht davon aus, dass sich komplexe Problemlagen und besondere Lebenssituationen nur lösen lassen, wenn dieses Grundbedürfnis gesichert ist", steht auf der zugehörigen Webseite. Kritik übte Frieder Krauß auch am Hilfesystem, das "kleinteilig und verwirrend" sei. Selbst wer sich regelmäßig damit beschäftige, könnte das Regelwerk nicht vollständig durchschauen.

Ihn ärgert, dass das ASOG, das Allgemeine Gesetz zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in Berlin, zwar das Schlafen unter freiem Himmel untersage, diesem Gesetz aber nicht nachgekommen werde. So argumentiere zum Beispiel der Bezirk Mitte, etliche Menschen seien "freiwillig obdachlos".

Konkrete politische Forderungen der Berliner Obdachlosenhilfe sei eine Sozialhilfe, die zum Leben reiche und auch für EU-Bürger gelte, mehr niedrigschwellige Angebote für Obdachlose und eine Enteignung privater Wohnungskonzerne.

Matze, der zur Zeit obdachlos ist, bat darum, in Alltagssituationen "die Leute öfter zu fragen, was sie brauchen". Ungefragt Hilfe aufzudrängen, empfänden Obdachlosen als unfreundlich.

Jan Markowski vom Verein Unter Druck prägte die Formel: "Ich schäme mich nicht meiner Armut. Aber es gibt viele Reiche, die sich ihres Reichtums schämen sollten."

Klaus-Peter Licht, der in der Senatsverwaltung tätig ist, sagte, dass die Zählung der Obdachlosen während der Nacht der Solidarität wichtig sei. "Wir haben bislang nur Schätzungen. Dank der Nach haben wir endlich eine Zahl". Zudem bringe die Aktion dem Thema Obdachlosigkeit berlinweit "aber auch international" ein großes Interesse. "Wir wollen wissen, wer ist obdachlos? Wie viele Frauen? Wie viele Kinder? Wie viele Tiere, die in Notunterkünften nicht erlaubt sind, werden gehalten?" Dem  Organisator der Nacht ist es wichtig, dass die fast 4.000 Freiwilligen sich während der Nacht "berühren lassen, von dem, was sie erleben".

Die Zahl der Wohnungslosen wird in Deutschland auf 700.000 Menschen geschätzt, 40.000 seien obdachlos. Auch für Berlin liegen bislang lediglich Schätzungen vor. Experten gehen von einigen Tausend Menschen aus, die über keinerlei Unterkunft verfügen.

Links:

Verein Berliner Obdachlosenhilfe - Helfen ist einfach

Verein Unter Druck - Kultur von der Straße e.V

Offizielle Webseite der Nacht der Solidarität

15, Januar 2020