Nachbarn im Gespräch: Rainer Koppitz: „Ich muss unter Leute“

Im Kindertreff „Frisbee“ in der Koloniestraße berät Rainer Koppitz seit 2008 bei Formularen, Anträgen oder offiziellen Briefen. Nach einem Berufsleben mit vielen Wendungen ist er nun der Kiezberater.

Rainer Koppitz

Rainer Koppitz während einer Beratung. Foto: Andrei Schnell

Mit 73 Jahren hat Rentner Rainer Koppitz zwar viel Zeit. Doch die will er sinnvoll nutzen. "Ich muss raus, muss mich bewegen, unter Leute kommen", beschreibt er seine Motivation acht Stunden pro Woche im Kinder- und Stadteiltreff "Frisbee" Nachbarn zu beraten. In der Koloniestraße 129 hilft er mit niedrigschwelliger Beratung. Er füllt Formulare aus oder unterstützt bei Problemen mit Ratenzahlungen. "Aber ich bin kein Rechtsanwalt. Wenn ich nicht helfen kann, dann verweise ich auf die richtigen Ansprechpartner", erklärt er seine Hilfestellungen.

Im November 1999 kam er über eine Weiterbildung vom Arbeitsamt als Praktikant ins Quartiersmanagement in die Koloniestraße. Das bedeutete aber nicht, dass er damals mit Mitte Fünfzig nicht durchaus selbstbewusst aufgetreten wäre. So überzeugte er 2008 die damaligen Quartiersmanager, auch vorübergehend nicht mit in ein Großraumbüro umzuziehen. Vor den notwendigen Bauarbeiten im Kleinbüro floh er lieber ins Frisbee, und fand dort einen neuen Ort für seine Beratungen. Diese waren seine Arbeit seit 2002. Auch noch heute sagt er entschieden: "Umsonst arbeite ich nicht!" Von seinen acht Stunden lässt er sich vier Stunden bezahlen - wenn auch nicht üppig.

Einen gewissen Stolz darf er auch tragen. Denn er hat in seinem Leben einiges erreicht. Als er von der achten Klasse abging, da wollte der Sachse ("Eigentlich Schlesier, aber das ist eine andere Geschichte") zunächst eine Lehre als Lokomotivschlosser machen. Damals war eine achtjährige Schullaufbahn selbst in der DDR, die schon früh die zehnjährige Schule einführte, nicht ungewöhnlich. Eine Krankheit kam seinen Plänen dazwischen und er begann zunächst in der "Wanne" zu arbeiten. Die "Wanne" war vor vor rund 50 Jahren ein Häuschen am Eingang eines Bahnhofs. Dort kontrollierte er Fahrscheine. "Damals gab es für 20 Pfennig eine Bahnsteigkarte", erinnert sich.

Doch dann startete er noch einmal durch. Mit 29 Jahren begann er in Cottbus ein Ingenieurstudium. Er arbeitete sich hoch bis in die Leitung eines Textilkombinats. Ein Kombinat war in der DDR eine Nachbildung eines Konzerns. Die Arbeit der technischen Leiter von 80 Firmen koordinierte er. Doch dann kam das Jahr 1989, der wirtschaftliche Niedergang im Osten kostete ihm seinen Job. Auch sein Studium wurde nicht anerkannt. Also versuchte er einen Neustart und studierte noch einmal, um das Diplom Betriebswirt zu erreichen.

Nach Berlin kam Rainer Koppitz erst 1996. "Immer wenn eine Zeit der Arbeitslosigkeit kam, habe ich sofort eine Weiterbildung für mich durchgesetzt", sagt er heute. Und wie das so sagt, da ist zu spüren, dass Rainer Koppitz ein Mann ist, der sein Leben immer fest in den Händen hielt. Vielleicht spüren das auch die Menschen, die sich beim ihm Rat holen. Möglich, dass er neben Tipps und Tricks zum Leben mit Schulden oder zum Ausfüllen von Formularen nebenbei auch vermittelt, dass es stets darauf ankommt, immer das Beste aus der Lage zu machen.

24.01.2018