Reportage vom Müllspaziergang

Mit den beiden Kiezläufern unterwegs mit Blick auf Sperrmüll. Was Kiezläufer erreichen und wo sie aufstecken müssen. Ein Rundgang durch den Kiez.

Gerd Minor

Gerd Minor notiert einen Standort von Sperrmüll.

Lattenrost

Um diesen illegal abgestellten Lattenrost eines Bettes muss sich die Hausverwaltung kümmern.

Gerd Minor

Gerd Minor dokumentiert seine Meldungen an das Ordnungsamt.

Ein Lebensmittelhändler in der Koloniestraße 33 hat nicht nur den Gehweg mit dem Besen gereinigt, sondern sogar mit Wasser nachgespült. Vor seinem Laden ist absolut kein Müll an diesem Dienstag, den 30. Mai. Der Rest der Koloniestraße ist hingegen nicht unbedingt sauber zu nennen. Das ist der erste Eindruck bevor ich die beiden Kiezläufer treffe.

Kiezläufer Gerd Minor

Der erste der beiden, Gerd Minor, stellt sich gleich vor. Er war schon im Kiezmagazin Soldiner, im Berliner Abendblatt, in der Berliner Woche und im Kiezportal SoldinerKiezKurier. Ihn freut die Aufmerksamkeit durch den Kiezreporter. Dem zweiten Kiezläufer ist es jetzt nicht so wichtig, dass über ihn berichtet wird und mag sich lieber zurückhalten.

Gerd Minor ist mit einem Jahr Unterbrechung seit sieben Jahren Kiezläufer. Im September ist für ihn Schluss, er geht in Rente. Hat sich seine langjährige Arbeit in punkto Müll gelohnt? "Auf jeden Fall, wir haben einiges erreicht", sagt er.

Wir gehen eine Runde zusammen durch den Kiez. Die beiden Kiezläufer gehen täglich durch den Soldiner Kiez. Unter anderem schreiben sie Sperrmüll auf. Man hat nicht den Eindruck, als ob die Arbeit etwas gebracht habe, soviele Kühlschränke, Sofas und zerlegte Schränke liegen am Straßenrand herum. In dichtem Abstand. "Aber man muss sagen: Alles was wir aufschreiben und ans Ordnungsamt melden, das holt die BSR innerhalb von drei oder vier Tagen ab".

Sperrmüll kostenlos zur BSR bringen

Dann wird Gerd Minor ernst: "Besser wäre es natürlich, wenn wir das gar nicht aufschreiben müssten, denn jeder kann auf der leicht zu merkenden Webseite ordnungsamt.berlin.de eine Meldung machen." Ist es Zufall, dass wir vor dabei vor Lebensmittelladen stehen? Und so wie Gerd schaut, scheint er zu denken, und ganz eigentlich müsste niemand erst den Sperrmüll auf der Straße abstellen. Für 50 Euro holt die BSR bei Privatleuten den Sperrmüll direkt aus der Wohnung ab. Anruf unter 030 7592-4900. Sogar kostenlos kann man auf einem Recyclinghof entsorgen. In der Lengeder Straße in Reinickendorf, in der Asgardstraße in Pankow oder in der Behmstraße nahe des GesundbrunnenCenters.

Fahrradleiche, Spielplatz, anlehnender Sperrmüll, Grundstücksgrenzen

Und das Fahrrad dort? "Tja, schwer zu sagen, ob das bereits eine Fahrradleiche ist." Natürlich darf nichts entsorgt werden, was noch jemanden gehört. Und manches sieht nur aus wie Schrott, ist aber für die Besitzer noch wichtig. Selbst wenn die Räder am Fahrrad fehlen, wie Gerd Minor weiß. Das Ordnungsamt würde einen Zettel anbringen. Stünde das Rad mit Zettel nach sechs Wochen immer noch dort, dann würde entsorgt werden.

Wir sind unterdessen weitergelaufen und stehen vor einem Spielplatz. "Den putzt jetzt täglich das Grünflächenamt", sagt Gerd zufrieden. Und dann grüßt er eine Frau mit grüner Latzhose - also kein Blaumann, aber sagt man Grünmann? Die Frau sammelt mit einem Greifer alles ein, was nicht auf einen Spielplatz gehört. Alle Spielplätze im Soldiner Kiez geht sie täglich am Vormittag durch.

Und weiter geht es. An einer Hauswand lehnt ein ehemaliges Bett. Bretter, die mal ein Bettrost waren, stützen sich nun müde ab. "Da können wir nichts machen, außer die Hausverwaltung anschreiben." Was an einem Haus anlehnt, ist nicht öffentlich. Und wenn die Hausverwaltung die Mühe scheut, die BSR anzurufen, dann ...

Ebenfalls unübersichtlich ist die Lage in der Nähe Panke. Ein wahrer Müllberg ist dort am Pankeweg gewachsen. Ein lustiger Mensch hat bereits mit Kreide auf ein Stück Blech geschrieben: "Dumme Menschen". Oder sind es gewitzte Menschen, denn der Müll liegt in einem Gebüsch, von dem nicht klar ist, ob er auf öffentlichen oder privaten Land wächst.

Saubere Panke

Auf der Pankebrücke aber hellt sich Gerds Gesicht wieder auf. "Die Wasserverwaltung Potsdam kommt nun jeden Dienstag. Früher lag da alles im Wasser - vom Fahrrad bis zum Kühlschrank." Friedlich und unschuldig plätschert nun das Wasser unter uns hindurch.

Hat man den Kiez mit Gerds Augen einmal durchwandert, dann sieht man ihn auch. Den Müll. Und man glaubt dem Kiezläufer, dass es ohne ihn noch viel schlimmer aussehen würde. Und doch bleibt irgendwie die Frage: Warum putzt der eine Bürger mit Wasser den Gehsteig während der andere vom Kaugummi über die Chipstüte bis hin zum Zweisitzer-Sofa buchstäblich alles einfach auf die Straße wirft? Und was ließe sich an dieser Stelle tun?

31. Mai 2017